Heute möchte ich eine für viele Anleger sehr provokante Frage stellen.

Heute möchte ich eine für viele Anleger sehr provokante Frage stellen. Nämlich: ist man mit einer sicheren (konservativen) Anlage immer auf der „sicheren Seite”? Viele Finanzberater, Banken und vor allem Versicherungen werben mit der „Sicherheit” in ihren Produkten. Doch was heißt hier der Begriff „Sicherheit” wirklich. Was bedeutet für den Kunden Sicherheit?

Dieser Frage gehen viele Marktteilnehmer viel zu wenig auf den Grund. Allgemein wird darunter verstanden, dass der Kunde (temporär) möglichst wenige Verluste hinnehmen wird und daher gut schlafen kann. Doch genau das ist der Knackpunkt! Ist das das einzige Risiko bzw. das einzige Risikobedürfnis, das der Kunde hat? Ist es für eine mittel- bis langfristige Veranlagung wirklich wichtig, keine temporären Kursverluste zu haben?

Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Nehmen wir an, ein Kunde möchte auf 20 Jahre veranlagen, da dies mit dem Eintritt in die Pension zusammenfällt. Er hat 2 gemischte Portfolios zur Auswahl. Bei diesen Portfolios wird bei Aktien von einem langfristigen Ertrag von 7 % p.a., bei Renten von einem Ertrag von 1 % p.a. und bei einem gemischten Portfolio von 3,5 % p.a. ausgegangen. Das Sicherheitsportfolio hat eine Ertragserwartung von 4 % p.a. bei einem Risiko (Volatilität) von 7,86 % p.a. Das ertragsorientierte Portfolio hat eine Ertragserwartung von 5,6 % p.a. bei einem Risiko von 12,99 % p.a.

Wenn ich nun den Ertrag vergleiche (4,00 % zu 5,60 %), so erscheint der Unterschied nicht all zu groß. Beim Risiko (7,86 % zu 12,99 %) mag man schon meinen, dass hier der Unterschied eklatant hoch ausfällt. Die meisten Durchschnittsinvestoren würden hier nun sagen: „Besser den Spatz in der Hand als die Taube am Dach!”. Doch gerade in der Kapitalveranlagung kann so eine oberflächliche Analyse viel Geld kosten.

Rechnen wir nun weiter und setzen wir echte Zahlen ein. Bei einer Investition von 10.000 EUR wäre der erwartete Endwert beim Sicherheitsportfolio 21.911 EUR und beim nur um 1,6 % p.a. höher rentierenden ertragsorientierten Portfolio 29.735 EUR. Das bedeutet, dass im Erwartungsfall der Kunde mit dem Sicherheitsportfolio gleich mal um 7.824 EUR (oder 78,24 % der Einzahlung) weniger Ertrag erwirtschaftet bzw. 7.824 EUR verliert!!!

Jetzt mögen Sie sagen: „Jaja, im Erwartungsfall. Doch was passiert, wenn dieser Erwartungsfall nicht eintritt?” Was ist, wenn gerade bei der Veranlagung des Kunden die Börsen crashen und die Wirtschaft kollabiert. Ja, auch dafür gibt es zumindest statistische Berechnungen, z. B. den Value at Risk (VaR). Der Value at Risk gibt jenen Ertrag an, der mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit zumindest erreicht wird. Im obigen Beispiel beträgt der Value at Risk mit 95 % Wahrscheinlichkeit (VaR 95) beim Sicherheitsportfolio 1,11 % p.a. und beim ertragsorientierten Portfolio 0,82 % p.a. Das bedeutet, dass die beiden Portfolios genau diesen Ertrag mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 % erzielen werden.

In echte Zahlen gegossen heißt das, dass der sicherheitsorientierte Anleger mit 95%iger Wahrscheinlichkeit 2.468 EUR Kapitalzuwachs haben wird und der ertragsorientierte Anleger 1.779 EUR mit 95 %iger Wahrscheinlichkeit. Also eine Differenz von 688 EUR zu Gunsten des Sicherheitsportfolios. Doch stellen wir gegenüber: 7.284 EUR weniger Ertrag in der Erwartung und 688 EUR weniger Risiko für den Sicherheitsanleger. Das Verhältnis Risikobesserung zu Ertragsverschlechterung steht in EUR 688:-7.824.

Nun meine provokante Frage: Stehen die 688 EUR weniger Risiko auf 20 Jahre nicht in einem Missverhältnis zum geringeren Ertrag von 7.824 EUR bzw. wer riskiert in diesem Beispiel mehr Kapital? Der sicherheitsbewusste oder der ertragsorientierte Anleger?

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